„Wir spielen Unterschicht“ – Ein neuer Spiele-Trend?

Wieder einmal hat es mich erwischt. Die Zugfahrt nimmt kein Ende – also schnell mal ein kleines Online-Game auf dem Handy spielen und die Zeit fliegt dahin. Spaß macht es natürlich auch noch. Auch die Gothaer hat sich dem Spieltrieb nicht ganz entzogen, auf Facebook gibt es ab und zu ein zur Markenstrategie passendes Online-Game. Gerade läuft dort das Tollpatsch-Spiel. Dort sehen wir – es kommt an, die Leute haben einen Riesenspaß beim spielen.

Trotzdem – Computerspiele sind in der öffentlichen Diskussion. Sie polarisieren. Für die einen sind Spiele eine Hauptursache aller möglichen Formen von Fehlverhalten, für die anderen sind sie Teil der heutigen Alltagskultur. Die Computerspielbranche bedient alle möglichen Plattformen und kommt auf zweistellige Zuwachraten im Jahr. Doch das Image der Ballerspiele geistert durch die öffentliche Diskussion. Jetzt zeichnet sich ein neuer Trend ab – Computerspiele simulieren den Alltag anderer Kulturen und anderer Gesellschaftsschichten.

Spiele einen Straßenjungen, einen Niedriglöhner oder eine alleinerziehende Mutter

Ein Screenshot des Spiels Ulitsa Dimitrova

Mercedes-Sterne abreißen, irgendwo einbrechen, Zigaretten rauchen, hier und da mal der Mutter Alkohol vorbeibringen, die gerade anschaffen geht. Es ist nicht gerade viel, was man machen kann in dem Spiel „Ulitsa Dimitrova“. Man schlüpft in die Rolle des siebenjährigen Straßenjungen Pyotr und lenkt ihn durch eine Straße in St. Petersburg. Das Spiel geht gegen den Trend – es kommt in Kugelschreiberzeichnungsoptik daher, gewinnen kann man es nicht. Im Gegenteil: Bricht Pyotr nirgendwo mehr ein, erfriert er in der eisigen russischen Kälte – Game Over.

Das Spiel „Cart Life“ hat dieses Jahr den Hauptpreis des Independent Games Festival gewonnen. Hier wird der Existenzkampf von Niedriglöhnern thematisiert, der Spieler schlüpft in die Rolle eines osteuropäischen Einwanderers oder einer alleinerziehenden Mutter. So bekommt der Spieler Einblick in ganz andere Lebensumstände.

Die Spiele entstehen oft aus realen Erlebnissen. So berichtet Gamedesignerin Lea Schönfelder:

„Die Idee kam mir während eines Besuchs in St. Petersburg, wo mein Bruder vor ein paar Jahren Zivildienst gemacht hat und mit Straßenkindern gearbeitet hat. Er erzählte mir von einem Jungen, der hin und wieder in diese Einrichtung kam und irgendwann kam er nicht mehr. Und die Betreuer haben gesagt, dass es gar nicht so ungewöhnlich ist, dass die Kinder, die da auf der Straße leben, erfrieren.“

Etwas Neues zu erleben, macht auch Spaß

Wo ist hier der Spaßfaktor beim Spielen? Man hat sicher nicht das gewohnte Spaßgefühl aus Sieg und Niederlage oder faszinierenden 3D-Grafiken. Doch Lea Schönfelder ist überzeugt:

„Man kann Spaß auf unterschiedliche Art und Weise empfinden. Man kann Spaß ja auch dann empfinden, wenn man etwas Neues erfährt. Ich würde sagen, Spiele wie ‚Cart Life‘ oder ‚Ulitsa Dimitrova‘ machen trotzdem Spaß, weil man in eine Welt von jemandem eintauchen kann und darüber etwas erfährt.“

Ich hab’s dann natürlich auch mal gespielt. Auch hier fliegt die Zeit davon, man kommt wirklich ans Nachdenken. Mich hat das „soziale Spielen“ sehr neugierig gemacht, das könnte einen wirklichen Zukunftstrend geben.

Weiter Infos:

Interview Lea Schönfelder

„Ulitsa Dimitrova“ als Video

Download des Spiels „Ulitsa Dimitrova“

„Cartlife“ im Video

Download „Cartlife“

Podcast zu „Cart Life“

Gothaer Tollpatsch-Spiel

Von | 2016-10-17T12:01:48+00:00 20. August 2013|Kategorien: Blog, Trends|Tags: , , , |

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