„Du bist, was du misst“ – wie der digitale Messtrend die Fitness-Branche erobert

Ein Fitnesstrainer, der rund um die Uhr verfügbar ist, dabei aber nicht ständig schreit, sondern einen eher unscheinbar durch den Tag begleitet, klingt eigentlich zu schön, um wahr zu sein. Mit den derzeit immer beliebter werdenden tragbaren Fitnesssensoren, sogenannten „Wearables“, ist der „unsichtbare“ Coach aber schon sehr real geworden.

Wearables – was geht da alles?

Gekoppelt mit Apps auf dem Smartphone kann man mit den elektronischen Spielereien, die beispielsweise in T-Shirts, Socken, Schuheinlagen, Kopfhörern oder Brillen integriert sind, seinen Gesundheitszustand und die Fitness überwachen und analysieren. Am häufigsten werden derzeit aber Fitnessarmbänder getragen. Ob Schritte zählen oder zurückgelegten Kilometer und die Geschwindigkeit berechnen, die Herzfrequenz messen oder Kalorien zählen. All das ist bereits per Handy und Fitnessarmband möglich. Manche Apps versprechen auch ein entspanntes und fitteres Aufstehen zum richtigen Weckzeitpunkt: Per Wearable werden die Schlafphasen überwacht und der Träger in einem Moment mit geringer Schlaftiefe mit sanfter Vibration geweckt. Am Frühstückstisch kann man sich dann die Schlafanalyse der vergangenen Nacht zu Gemüte führen und seine Tiefschlafphasen zählen.

Immer mehr Menschen starten auf diese Weise in den Tag. Sie nennen sich selbst „Lifelogger“ und als ein Teil der Bewegung „Quantified-Self“. Die Anhänger dieses Trends vermessen ihr tägliches Leben mithilfe elektronischer Daten und nutzen diese Messbarkeit, um sich und ihre Leistungen ständig zu überprüfen und zu optimieren. Die gesammelten Daten können dann mit anderen Lifeloggern auf speziellen Plattformen geteilt und vor allem verglichen werden. Die Strömung trifft den Nerv der Zeit und verbindet das gesteigerte Gesundheits- und Fitnessbewusstsein der westlichen Gesellschaft mit der Dauervernetztheit der jüngeren technikaffinen Generationen.

Self-tracking – wer macht das eigentlich?

In Deutschland besitzt inzwischen jeder Zweite ein Smartphone, unter den 14- 29-Jährigen sind es sogar 84%. Für diese Nutzer bietet der Markt rund 100.000 von Fitness-Apps – und stetig kommen neue dazu. Laut dem Marktforschungsinstitut Flurry stieg die Verwendung dieser Apps allein im Jahre 2014 um satte 69%. Rund 40 Prozent der Deutschen haben eine solche App auf dem Smartphone. Unterstützt wird der sogenannte „mHealth“-Trend auch durch die Entwicklung modernster Hardware, die vor allem die Datenerhebung vereinfacht und so dabei hilft, Fitness und Gesundheit zu optimieren. Nutzer berichten davon, dass die Apps sie anspornen, regelmäßiger Sport zu treiben und sich einfach bewusster zu bewegen, beispielsweise öfter einmal die Treppe statt des Aufzugs zu nehmen.

Auch Unternehmen nutzen inzwischen Apps im Rahmen der betrieblichen Gesundheitsförderung. Per Herzfrequenz können Stresssituationen aufgedeckt werden und mithilfe individueller Bewegungsprofile wird der Mitarbeiter daran erinnert, eine kurze Bildschirmpause einzulegen. Auch spielerische Ansätze sind möglich: Wenn Mitarbeiter verschiedener Niederlassungen gegeneinander antreten oder alle im Team eine möglichst große Schrittdistanz zurücklegen wollen, bewegen sich Mitarbeiter sowohl am Arbeitsplatz als auch in ihrer Freizeit mehr, denn die App kann natürlich auch zuhause genutzt werden.

Datenschutz und Optimierungswahn – ist das alles optimal?

Doch bei diesem neuen Trend sind auch die Kritiker nicht weit: Als Schattenseite des „Self-Tracking-Trends“ kann sicher der Optimierungswahn angesehen werden, der für die User regelrecht zur Sucht werden kann und somit dem eigentlichen Ziel, nämlich gesünder leben zu wollen, entgegenläuft. Für manche geht es nur darum, ihre Schrittzahl zu steigern, „FuelPoints“ zu sammeln oder mehr Kalorien als gestern zu verbrennen. Sobald die Messung aber nicht die Kann-Lust sondern den Muss-Frust fördert, verfehlt sie den Zweck.

Auch der Datenschutz in Zeiten von NSA-Affären und Co bleibt ein heikles Thema, da Unbefugte Einblick in die digitalen Tagebücher erhalten können und der Nutzer so zum gläsernen Kunden wird.
Inwiefern dieser Trend jedoch wirklich zur Gefahr werden und was alles noch vermessen werden kann, bleibt abzuwarten. Für Technik-Fans kombinieren die Selftracking-Instrumente und Apps auf spielerische Art den praktischen Fitnessnutzen mit Spaß an der Technik – allein das Aufstehen nach einer durchzechten Partynacht kann auch ihre App noch nicht optimieren.

Links zum Thema:

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health und fitness apps
quantified self fitness gesundheit wissenschaft
sammel dein leben

Foto: Frank Hamm/flicktr/creative commons license

By | 2015-05-12T08:30:26+00:00 12. Mai 2015|Categories: Blog|Tags: , , , |

Ein Kommentar

  1. Maths 16. Juli 2015 um 16:13 Uhr- Antworten

    Grundsätzlich bin ich kein Fan von Überwachung, aber wenn man sich der Gefahr bewusst ist und Wearables nur bei sportlichen Aktivitäten nutzt, bzw. vllt sogar mit Familienmitgliedern teilt, dann kann man damit schon Spaß haben!
    Gruß
    Maths

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