Einer für alle, alle für einen: der Genossenschaftsladen

Landleben ist schön! Grundsätzlich mag das ja stimmen. Doch die Landflucht der vergangenen Jahrzehnte hat mancherorts Spuren hinterlassen. So gibt es gerade in kleinen Ortschaften kaum mehr Tante-Emma-Läden, die einen mit dem Alltäglichen versorgen. Und das ist nicht bloß hinsichtlich der zunehmenden Überalterung, die auf dem Land herrscht, ein Problem. Doch wie lässt sich dieses lösen? Eine Möglichkeit: ein genossenschaftlicher Dorfladen.

Als im Eifel-Dorf Sistig der letzte örtliche Laden schloss, musste eine Lösung her, so viel schien den Bewohnern klar. Denn die rund 750 Seelen des Örtchens in der Nähe von Euskirchen hatten keine Lust, für jeden noch so kleinen Einkauf ins Auto steigen zu müssen. Also gründeten sie eine Genossenschaft und legten damit den Grundstein für einen gemeinschaftlichen Dorfladen. Aus den zunächst 21 Dorfbewohnern, die 2013 einen Genossenschaftsanteil kauften, wurden in nur einem Jahr stolze 140 Unterstützer.

Bei einem solchen Dorfgeschäft geht es aber bei Weitem nicht nur darum, fußläufig frisches Obst, Gemüse, ein Röllchen Zwirn oder ein Stück Seife zu kaufen. Er soll auch dabei helfen, das Leben auf dem Land an und für sich wieder attraktiver zu machen und gleichzeitig Treffpunkt zum Austausch untereinander sein. Gerade diese soziale Komponente ist nicht zu unterschätzen.

Prinzip und Finanzierung

Das Konzept hinter der Eröffnung eines solch gemeinschaftlich ins Leben gerufenen Dorfladens ist grundsätzlich recht einfach. Die Dorfbewohner kaufen einen finanziellen Anteil. Dieser kann unterschiedlich hoch ausfallen oder festgelegt sein. So beteiligten sich beispielsweise die Dorfbewohner des sächsischen Bad Schlema mit je 50 Euro an der Genossenschaft. Da die Genossenschaftsanteile lediglich die Anschubfinanzierung deckten, wurde der Rest durch einen Kredit finanziert. In Welbergen im Münsterland vereinbarte man hingegen einen Anteil von 250 Euro pro Genossenschaftler und finanzierte so gleich das gesamte Startkapital. Inzwischen macht dieser Laden rund 45.000 Euro Umsatz im Monat und schreibt damit schwarze Zahlen.
Um das Streben nach Gewinn geht es bei den meisten Projekten dieser Art ohnehin nicht – auch wenn es durchaus positive Beispiele gibt. Viele haben einfach nur das Ziel, der zunehmenden Unterversorgung auf dem Land entgegenzuwirken und damit langfristig die Nahversorgung abzusichern. Für alle Beteiligten keine einfache Aufgabe, schließlich braucht es ein ausgewogenes und gut durchdachtes Sortiment, um einen solchen Laden attraktiv und damit am Leben zu halten.

Neue Herausforderungen gemeinsam meistern

Mit der Einführung des Mindestlohns zu Beginn des Jahres sehen sich allerdings viele Dorfläden in ihrer Existenz bedroht – auch wenn einige Verkäufer sicherlich einen Teil ihrer Arbeit ohnehin schon ehrenamtlich leisten. Betroffen ist beispielsweise der Genossenschaftsladen im badischen Dorf Wiesental-Wies. Bei einem Mindestlohn von 8,50 Euro würden die jährlichen Lohnkosten um rund 18.000 Euro ansteigen. Das aber bedeutet den finanziellen Ruin für den Gemeinschaftsladen, der im Übrigen der einzige ist auf einer Fläche von 80 Quadratkilometern. Auch die dort regelmäßig stattfindenden Mutter-Kind-Treffen, die Kommunikationsecke sowie das „Dorfladen-Taxi“ würden damit der Vergangenheit angehören. Besonders dramatisch für all jene, die nicht oder nicht mehr mobil sind. Inzwischen ringt der Vorstand des Dorfladens bei Kommunalpolitikern um eine Ausnahmeregelung.

Einstellung der Dorfbewohner enorm wichtig

Eines ist klar: Ein solcher Laden lebt immer von der Begeisterung und Solidarität der Dorfgemeinschaft. In dem Örtchen Rollesbroich bei Aachen reichte beides zum Beispiel nicht aus, um zusammen für eine Sonderregelung in Sachen Mindestlohn zu kämpfen. Da das Geschäft ohnehin schon seit Jahren Verluste machte, wurde es Ende 2014 schließlich geschlossen. Es bedarf also an motivierten und ausdauernden Bewohnern, die das Konzeot „Unser Dorfladen“ tatkräftig unterstützen. Wenn das der Fall ist, hat diese Form eines alternativen Versorgungsmodells gute Chancen, langfristig zu überleben und so den Alltag auf dem Land wieder zu beleben.

Weiterführende Infos zum Thema:

Dorfladen-Netzwerk
(nach Bundesländern sortiert und mit einem eigenen Blog zum Thema)

Die Wollersheimer
(Doku-Serie des WDR über die Bewohner des kleinen Eifeldorfs Wollersheim und ihren Dorfladen – von der Idee bis zur Inbetriebnahme)

Von | 2016-07-08T09:54:31+00:00 2. Juni 2015|Kategorien: Blog, Gastbeitrag|Tags: , , , |

Ein Kommentar

  1. Tante-Emma-Läden vermissen wir auch schon seit langer Zeit. Für uns sind Tante-Emma-Läden kein ungeschminktes Relikt aus alten Tagen, wir würden uns freuen, wenn uns wenigstens die Läden, die es heute noch gibt, erhalten bleiben. Wenn es im ländlichen Raum, zum Beispiel in einem Dorf keinen Laden mehr gibt, dann bietet sich natürlich die Gründung einer Genossenschaft an,

    Auch wenn die Genossenschaftsanteile eher niedrig liegen, wie oben geschildert bei 50 Euro, dann haben die Leute immerhin schon einmal etwas geschafft, nämlich eine Anschubfinanzierung. Beim Rest muss dann halt in den sauren Apfel gebissen werden und ein Kredit aufgenommen werden. Die Restfinanzierung über einen Kredit kann nur verhindert werden, wenn für die Genossenschaftsanteile von jedem Genossenschaftler eine höhere Summe verlangt wird, dies ist aber einkommensschwachen Dorfbewohnern nicht zuzumuten.

    Bezüglich des Mindestlohns muss dringend eine Ausnahmeregelung her. Hier ist die Politik aufgefordert zu handeln!

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