„In meiner Branche begegne ich tatsächlich mehr Männern als Frauen“ – im Interview erklärt uns Valerie Lenz, Portfoliomanagerin im Bereich Private Assets, warum Frauen das Thema Geldanlage oft fürchten und meiden – und warum das nicht der Fall sein muss und sollte.

 

Was bedeutet der Weltfrauentag für Dich?

Der Weltfrauentag bedeutet für mich die jährliche Erinnerung an das Thema Gleichberechtigung der Frau, sodass dies immer wieder in die Köpfe der Menschen bzw. der Gesellschaft geholt wird. Denn meines Wissens ist der Tag schon über 100 Jahre alt und wurde ursprünglich mit dem Gedanken ins Leben gerufen, die Gleichberechtigung der Frau zu fördern. Dies ist auch heute leider immer noch notwendig. In meiner idealen Welt wäre es so, dass wir über dieses Thema gar nicht mehr diskutieren müssten. Ich bin der Meinung, dass wir hier noch einiges zu tun haben, da es einfach immer noch Bereiche und Gesellschaften gibt, in denen Frauen wesentlich benachteiligt werden.

Das Thema ist aktuell ja vielfach präsent und ich hatte in diesem Zuge oftmals den Eindruck, dass dies auf „Augenrollen“ stößt, oder viele Menschen damit mittlerweile etwas Negatives assoziieren, weil einfach schon so ausgiebig darüber diskutiert worden ist. Deshalb finde ich es umso wichtiger, dass wir uns immer wieder daran erinnern, dass das Thema nach wie vor Relevanz hat.

 

Warum begeisterst Du Dich für die Finanzwelt und für das Thema Geldanlage?

Grundsätzlich finde ich es sehr spannend zu sehen, welche Möglichkeiten es gibt, sein Geld für sich arbeiten zu lassen. Denn bekannter Weise vermehrt sich Geld vom „Herumliegen“ alleine nicht. Bei den zahlreichen Möglichkeiten, wie beispielsweise Depots zu eröffnen, Bausparverträge abzuschließen oder auch in Immobilien zu investieren, finde ich es umso wichtiger, sich mit dem Thema Geldanlage auseinanderzusetzen, auch schon in jungen Jahren. Oftmals höre ich in Bezug auf das Thema Geldanlage Worte wie „das mache ich später irgendwann einmal“, aber mir persönlich ist die Zeit bis „später irgendwann einmal“ zu schade, denn in dieser hätte das Geld schon längst arbeiten können.

In meiner aktuellen Tätigkeit als Portfoliomanagerin finde ich besonders spannend, dass wir regelmäßig mit externen Managern in Kontakt sind, die uns entsprechende Investitionsmöglichkeiten anbieten. Hier sind wir speziell im Bereich Infrastrukturinvestitionen und vor allem in erneuerbaren Energien tätig. Dies finde ich persönlich sehr interessant, da hier in ressourceneffiziente sowie umweltschonende Technologien investiert wird und man dementsprechend auch einen Beitrag zum Thema Nachhaltigkeit leistet. Für mich persönlich ist es sehr motivierend in diesem Bereich zu arbeiten, da man insgesamt eben auch einen Mehrwert für die Gesellschaft erbringt.

 

Wie erlebst Du Deine Branche hinsichtlich der Geschlechterverteilung?

Wenn ich so recht darüber nachdenke, begegne ich in meiner Branche tatsächlich mehr Männern als Frauen – woran das nun genau liegt, darüber kann man nur mutmaßen. Ich vermute jedoch, dass dieser Eindruck auch von außen so wahrgenommen wird und gegebenenfalls Frauen davon abhält, sich trotz bestehendem Finanzmarktinteresse, zu bewerben. Das finde ich dann persönlich sehr schade und würde daher appellieren, die möglichen Gründe für solche Vorbehalte kritisch zu hinterfragen. Auch wenn ich in Studien gelesen habe, dass Frauen den Wettbewerb tendenziell eher scheuen als Männer, würde ich auch hier appellieren, bewusst den Wettbewerb mit Männern zu suchen und sich diesem zu stellen – ich empfinde dies auch nicht als so unangenehm wie es sich vielleicht zunächst anhört.

Herausforderungen sehe ich darin, dass ich die Erfahrung gemacht habe, dass Männer und Frauen im Beruf unterschiedlich kommunizieren. Ich bin jedoch davon überzeugt, dass wenn man sich mit dieser Thematik auseinandersetzt und etwas Erfahrung gesammelt hat, sich eine Zusammenarbeit sehr leicht und effizient gestalten lässt. Das wäre eigentlich die größte Herausforderung, die ich hier sehe.

In Bezug auf Vereinbarkeit von Familie und Beruf habe ich durchaus Modelle gesehen, in denen das möglich ist, deswegen sehe ich hier keine besonderen Herausforderungen im Vergleich zu anderen Branchen.

 

Warum glaubst Du, haben Frauen bei der Geldanlage mehr Befürchtungen als Männer?

Ich könnte mir vorstellen, dass viele Frauen das Thema Geldanlage gerne in andere Hände geben und sich weniger selbst darum kümmern. So kann sich jedoch eine gewisse Abhängigkeit entwickeln, da man eigentlich nicht mehr Herr über seine eigene Geldanlage ist. Durch diese Abhängigkeit entstehen dann möglicherweise Sorgen oder auch Ängste, da man einfach nicht mehr genau weiß, was mit dem eignen Geldgeschieht.

Ichvermute, dass auch mangelndes Interesse an dem Themengebiet generell bzw.  fehlendes Finanzwissen weitere Ängste oder Sorgen schüren könnte. Denn man weiß nicht wie das Ganze funktioniert und traut sich eventuell auch erst gar nicht, sich regelmäßig damit auseinanderzusetzen. Ich kann mir ebenfalls vorstellen, dass einige Frauen, vielleicht aufgrund von Teilzeittätigkeiten oder dem gleichzeitigen Management von Familie und Beruf, keine Zeit haben, sich in dieser Richtung weiterzubilden. Beziehungsweise vielleicht auch aufgrund von geringerem Gehalt einfach gar nicht die Chance haben, entsprechendes Vermögen aufzubauen, welches sie dann für sich arbeiten lassen könnten.

Deswegen wäre auch hier mein Rat sich frühzeitig mit dem Thema Geldanlageauseinanderzusetzen, um auch als Frau entsprechend vorzusorgen und sich vor allem selbst aktiv darum zu kümmern. Auch wenn es vielleicht am Anfang etwas mühselig erscheint glaube ich, dass sich der Aufwand lohnt und man so einfach unabhängiger ist.

 

Auch bei dem Thema Rendite gibt es große Unterschiede zwischen Mann und Frau – warum?

Ich vermute, dass Frauen generell eine höhere Risikoaversion als Männer haben und dementsprechend Sicherheit vor Rendite bevorzugen. Da diese beiden Punkte natürlich zwangsläufig zusammenhängen, müssen bei einem der beiden jedoch letztendlich Abstriche gemacht werden.. Eventuell hängt dies auch mit der Frage von eben zusammen, dass Frauen sich größere Sorgen um ihre Geldanlagen machen und sich daher eher denken, lieber sicher anlegen als zu viel Risiko eingehen.

Ein weiterer Grund könnte auch ein geringer Vermögensaufbau sein, durch eine Teilzeittätigkeit beispielsweise, sodass man hier gar nicht erst in ein „Plus“ kommt um Vermögen aufzubauen, um damit Rendite zu erwirtschaften. Auch durch fehlendes Finanzwissen, agieren sie möglicherweise erst einmal sehr vorsichtig am Finanzmarkt, wodurch sie folglich nicht ganz so renditestark unterwegs sind.

 

Wie unterscheiden sich Männer und Frauen beim Thema Nachhaltigkeit in der Geldanlage?

Unsere Anlegerstudie hat gezeigt, dass Männer und Frauen dem Thema Nachhaltigkeit in gleicher Maßen große Bedeutung beimessen, gerade was den Bereich Umwelt- und Klimaschutz angeht. Dies ist ja aktuell sehr präsent in den Medien und auch wir, hier am Finanzmarkt, merken natürlich, dass der Trend in diese Richtung geht. Gerade viele Manager, mit denen wir zusammenarbeiten, setzen den Fokus auf sogenannte ESG-Faktoren und berücksichtigen letztendlich nachhaltige Aspekte in ihren Anlagen, was für uns als Unternehmen auch sehr bedeutend ist.

Was ich in Bezug auf die Studie interessant fand, dass Frauen den Aspekt „Soziale Gerechtigkeit“, als Teilaspekt von Nachhaltigkeit, sehr hoch gewichtet haben –  _ möglicherweise auch mit Blick auf eventuelle Geldanlagen, die sie tätigen möchten. Dieser Aspekt könnte auch mit Blick auf die erste Frage zum Weltfrauentag betrachtet werden, wo ich gesagt habe, dass ich glaube, dass es hier noch sehr viel zu tun gibt. Ich könnte mir vorstellen, dass viele Frauen ebenfalls diesen Eindruck teilen, in ihrem Alltag also sehr viel mehr mit Ungleichberechtigung konfrontiert werden und deshalb diesem Aspekt im Bereich der Nachhaltigkeit eine sehr hohe Bedeutung, zuweisen, im Gegensatz zu einigen Männern.