Die Gothaer wird 200 Jahre alt. Bisher haben wir zurückgeschaut und die Highlights der 200-jährigen Geschichte des Unternehmens beleuchtet. Doch wie sieht das Leben in 200 Jahren aus? Man kann trefflich darüber diskutieren – wir haben einige prominente Experten gefragt, wie sie die Welt in 200 Jahren sehen. Heute reden wir mit  der Physikerin Dr. Christiane Heinecke. Sie macht sich Gedanken, wo die vielen Menschen in den nächsten 200 Jahren leben sollen – auf dem Mond oder gar auf dem Mars? Um das beurteilen zu können, hat sie das gleich mal ausprobiert. Im Rahmen des von der NASA finanzierten Experiments HI-SEAS wurde das Leben auf dem Mars simuliert. Dr. Christiane Heinecke lebte zusammen mit fünf weiteren Personen ein Jahr lang in einem ‚Habitat‘ in einer mars-ähnlichen Gesteinswüste auf Hawaii. Wir haben Dr. Christiane Heinecke nach ihren Eindrücken gefragt.

Frau Dr. Heinicke, Sie leiten an der Uni Bremen den Bau eines Forschungsmoduls für eine Station, in der irgendwann Menschen auf dem Mars leben können. Warum ist so ein Projekt wichtig? Reicht die Erde nicht aus für uns Menschen?

Doch, und die Erde soll auch weiterhin als Lebensraum erhalten bleiben. Allerdings können wir viel lernen, wenn wir uns an der Wasseraufbereitung von Pflanzen, die mit wenigen Ressourcen klarkommen, orientieren.

Sie haben bis 2016 ein Jahr lang an einem Testlauf für eine Marsmission auf Hawaii teilgenommen. Was haben Sie, eingesperrt mit fünf Kollegen und auf Schritt und Tritt beobachtet, vermessen und analysiert, an Erkenntnissen aus dieser außerirdischen Wohngemeinschaft mitgenommen?

Wir waren auch nur normale Menschen, aber unter extremen Bedingungen. Die Probleme, mit denen wir kämpften, waren die gleichen, die andere Menschen haben, nur eben in hochkonzentrierter Form. Jeder Mensch hat einen Kollegen oder Nachbarn, mit dem er vielleicht streitet, aber doch auskommen muss. Wenn man diesen Personen nicht ausweichen kann, kann man entweder in Frust und Streitereien versinken oder sich zusammenreißen, Kompromisse aushandeln und so das Miteinander erträglich gestalten. Außerdem haben viele von uns Gegenstände von zu Hause mitgenommen, zum Beispiel Duftöle, Stofftiere oder, in meinem Fall, ein Kopfkissen.

Wie passt dieses Eingeschränktsein zu einer Zukunft, die von Technik und Kommunikation bestimmt wird?

Solange wir uns in Städten und größeren Ortschaften bewegen, sind für uns Strom- und Kommunikationsnetze nahezu ununterbrochen verfügbar. Wenn wir aber über die Grenzen unserer Zivilisation hinausschauen, sind derartige Ressourcen eben nicht mehr problemlos zu haben. Dafür muss man nicht einmal bis zum Mars fliegen. Es reichen unsere irdischen Ozeane oder gebirgige Landflächen. Genau damit beschäftigt sich die Raumfahrt: dem Ausloten und kontrollierten Übertreten bestehender Grenzen, sowohl technischer als auch psychologischer Art.

Bedeutet Leben auf einem anderen Planeten in Wirklichkeit Rückschritt?

Am Anfang wird das Leben auf einem fremden Planeten mit Einschränkungen dessen, was wir heute als normal betrachten, verbunden sein. Auf lange Sicht, wenn wir es tatsächlich schaffen, eine permanente Basis auf dem Mars zu errichten, wird das Leben auf dem Mars luxuriöser werden als zu Beginn. Ich wette, dann wird es auch Annehmlichkeiten auf dem Mars geben, von denen wir auf der Erde nur träumen können, vielleicht eine bestimmte Obstsorte, die nur in der verringerten Schwerkraft des Mars wächst.

Wie sind Sie zur Wahl Ihres für eine Frau immer noch ungewöhnlichen Berufs gekommen? Durch Ihr Elternhaus, Freunde, ein bestimmtes Erlebnis?

Wenn ich es auf einen einzigen Faktor herunterbrechen muss, würde ich eher die Neugier verdächtigen. Ich finde das Thema der astronautischen Exploration des Weltraums wahnsinnig spannend. Dass ich mit mehr Männern als Frauen in meinem beruflichen Umfeld zu tun habe, hat mich nicht gestört. Die meisten Männer freuen sich auch, wenn sie dienstlich zur Abwechslung mal mit einer Frau zu tun haben.

Zur Person:  Dr. Christiane Heinicke, 34, studierte in Ilmenau und Uppsala Physik. 2016 wurde sie für ein von der NASA finanziertes Projekt ausgewählt, bei dem Wissenschaftler auf Hawaii das Leben auf dem Mars simulierten. Heinicke schrieb darüber das Buch „Leben auf dem Mars“ (Verlag Droemer Knaur, 16,99 Euro). Zurzeit entwickelt sie im Zentrum für angewandte Raumfahrttechnologie und Mikrogravitation der Uni Bremen ein „Habitat“ für den Einsatz außerhalb der Erde.