Die mit der Corona-Pandemie verbundenen Eindämmungsmaßnahmen und ihre Folgen stellen für viele Menschen eine erhebliche psychische Belastung dar. So gab bei einer aktuellen Studie ein Viertel der Befragten an, gefühlt die Kontrolle über ihr Leben verloren zu haben. Und auch so leidet schon jeder vierte Mensch in Deutschland im Laufe seines Lebens an einer psychischen Erkrankung. Die Folgen breiten sich neben dem sozialen und familiären Umfeld, vor allen Dingen im Arbeitsleben aus. So haben sich zum Beispiel die durch psychische Krankheiten ausgelösten Krankheitstage in den letzten 40 Jahren verfünffacht. Seit Pandemiebeginn hat die Zahl aber noch deutlich zugenommen. Psychische Gesundheit am Arbeitsplatz sollte also eines der wichtigsten Themen in der Arbeitswelt sein, dennoch redet kaum jemand darüber.

In unserer stetig fortschreitenden und immer vernetzteren Welt kommt Darwins Survival of the Fittest eine ganz neue Bedeutung zu. Es ist also kein Wunder, dass psychische Gesundheit lange Zeit als Tabuthema galt – und auch immer noch gilt. Besonders am Arbeitsplatz herrscht Angst vor Unverständnis und Stigmatisierung. Erst seit ein paar Jahren ist ein leichter Wandel in Sicht. Besonders in den aktuellen Zeiten der Corona-Krise rückt das Thema psychische Gesundheit mehr in den Fokus. Denn es stimmt: Durch Kontaktverbote, Home-Office und finanzielle Sorgen verspüren mittlerweile auch immer mehr „gesunde“ Menschen psychische Belastungen.

Pandemiefolgen für die Psyche dennoch klar unterschätzt

Dennoch werden die Folgen der Corona-Krise für Menschen mit psychischen Erkrankungen stark unterschätzt. Grade zu Beginn der Beschränkungen wimmelte es nur von Produktivität, an der psychisch Erkrankte wenig teilhatten. Die Eindämmungsmaßnahmen verschafften der Gesellschaft Zeit, die genutzt werden musste. Doch während Viele diese Zeit zum Erlernen neuer Sprachen und Hobbies nutzten oder die lang überfälligen Heimwerkarbeiten verrichteten, fühlten sich andere verloren, einsam und hilflos. Mittlerweile sind acht Monate vergangen und die Maßnahmen wurden nicht zuletzt erneut verschärft, sodass das Gefühl von Isolation überhand gewinnt. Dennoch geht es in der öffentlichen Diskussion über die Corona-Krise viel mehr um die körperlichen Auswirkungen und weniger um die psychischen Folgen der Viruskrankheit und Eindämmungsmaßnahmen. Und das, obwohl es im aktuellen Kontext besonders bedeutsam wäre, dass auch psychische Belange stärker in den Blick geraten.

Angst vor Unverständnis und Stigmatisierung

 Allerdings besitzen die wenigsten Betroffenen den Mut zunächst mit ihren Freunden und Angehörigen offen über ihr psychisches Befinden zu sprechen. Mit Vorgesetzten und Kollegen erscheint dieses Thema noch schwieriger. Grund dafür ist vor allen Dingen die Angst vor negativen Reaktionen, Unverständnis und Stigmatisierung. Auch wenn viele es „nicht so meinen“, finden sich Betroffene oft mit Vorurteilen konfrontiert: Man sei faul, überempfindlich, nicht belastbar, außer Kontrolle und solle sich sowieso nicht immer so anstellen. Aussagen wie „ist doch alles gar nicht so schlimm“ oder „wir sitzen alle im selben Boot“ sind im ersten Moment vielleicht beruhigend gemeint, lösen bei den Angesprochenen aber meist nicht den gewünschten Effekt aus. Nicht selten machen sich psychisch Erkrankte selbst schon starke Vorwürfe, sodass solche Abwertungen der eigenen Gefühle wenig Anreize für einen offenen Diskurs geben.

Fühlt man sich mit seinen Problemen also nicht ernstgenommen, leidet man lieber einsam im Stillen – bis es irgendwann nicht mehr geht. Dann folgen lange Krankschreibungen bis hin zur Berufsunfähigkeit oder im schlimmsten Fall Suizid. So weit dürfen wir es als Arbeitgeber, Kollegen oder Betroffene aber nicht kommen lassen, denn wir alle tragen eine Verantwortung im Umgang mit psychischen Erkrankungen in der Arbeitswelt. Letztendlich können alle Beteiligten von Aufklärungs- und Präventionsmaßnahmen und einem offeneren Umgang mit psychischen Erkrankungen profitieren.